Abenteuer am Strand
Als Alice sich ratlos umsah, stellte sie zu ihrer Überraschung fest, dass hinter ihrem Rücken das Wasser verschwunden war. Sie befand sich mit einem Mal an einem breiten, prächtigen Sandstrand, der in wellige Dünen auslief. Der Rattenfänger kam schnellen Schrittes auf Alice zu. Seine Miene war finster, und er schien schlechte Laune zu haben. Offensichtlich erkannte er Alice in ihrem rotweiß gestreiften Mädchenkleid nicht, oder er verwechselte sie mit jemand anderem.
Rattenfänger (barsch): Mary Ann, mein Kind! Hol mir sofort meine Handschuhe und meinen Fächer! Schnell! Beeil Dich!
Um seinen Worten mehr Nachdruck zu verleihen, drohte er ihr grimmig mit seiner silbernen Flöte. Ohne lange darüber nachzudenken, dass er sie mit falschem Namen angeredet hatte, lief Alice sofort in die Richtung, in die er mit seiner Flöte gezeigt hatte. Sie kam an vielen rollbaren Badekabinen, umgedrehten Rettungsbooten und großen Sonnenzelten vorbei. Aber nirgendwo erblickte sie einen Menschen, was sie verwunderte, denn es war das schönste Strandwetter.
Schließlich gelangte sie an einen kleinen, auf Stützten erbauten
Strandpavillon mit halb geschlossenen Fensterläden. Auf einem Schild
neben dem Eingang stand in großen silernen Lettern: Pavillon des
Rattenfängers Seiner Majestät der Herzkönigin.
Hier sollte sie wohl nach den verlorenen Handschuhen und dem Fächer suchen. Also trat Alice ein.
In der Mitte des Raumes sah sie sofort die gesuchten Gegenstände auf
einem kleinen, reichverzierten Tischchen liegen, dessen Beine wie die
Flöte des Rattenfängers aussahen. Dort fand sie aber auch wieder eine
Flasche mit der Aufschrift: Trink mich! Alice nahm die Flasche und roch
daran. Sie blickte an sich herab auf das Mädchenkleid und die
Holzsandalen, dann setzte sie entschlossen die Flasche an die Lippen
und nahm einen tiefen Zug.
Sie hatte tatsächlich wieder eines dieser Zaubergetränke erwischt
und verwandelte sich erneut: diesmal in eine jugendliche Badeschönheit.
Sie trug einen reizvollen, dunklen Badeanzug, wie ihn die Damen von
Welt um die Jahrhundertwende bevorzugten. Sie mochte jetzt etwa 15
Jahre alt sein - ein junges Mädchen, das, in Erahnung kommender
Weiblichkeiten, sich ihres Körers schon bewusst war, und seine Reize
durchaus zur Schau stellen konnte. Sie ging zu den Rolläden, die die
einfallenden Sonnenstrahlen angenehm filterten und ließ die frische
Meeresbrise, die durch die Holzpanelen strich, mit ihren offenen Haaren
spielen. Das milde Licht und die frische Luft brachte sie auf die Idee,
sich ein wenig auszuruhen und sich zu sonnen. So streckte sie sich auf
einem Liegestuhl aus, den sie neben dem Tischchen entdeckte.
Indes kam der Rattenfänger den Strand entlang, ein schwungvolles Lied spielend. Bei ihm waren drei Zigeunerknaben im Alter von etwa 10, 12 und 15 Jahren. Sie schlugen Flic-Flacs und machten allerlei andere zirkusreife Kunststücke. Als sie in die Nähe des Pavillons kamen, wies der Rattenfänger mit seiner Flöte dort hin, und die drei Knaben schlichen sich näher heran. Der Rattenfänger rammte seine Flöte in den Sand, verschränkte die Arme und betrachtete das weitere Geschehen aus der Ferne.
Währenddessen gefiel sich Alice in der Rolle der müßigen, reichen
Tochter, genoss das Sonnenbad und lauschte dem Rauschen des Meeres.
Plötzlich rief eine helle Stimme ihren Namen.
1. Knabe: Alice!
Sie schreckte hoch und sah sich um, doch sie konnte niemand erblicken.
2. Knabe: Alice!
Alice fuhr herum und sah gerade noch einen Kopf hinter einer Rollade verschwinden.
3. Knabe: Alice!
Sie sprang auf und sah in das Gesicht eines der Knaben, der
zusammenfuhr und verschwand. Draußen stimmten die drei nun einen
regelrechten Chor an.
Knaben: Alice! Alice! Alice!
Nun wurde es Alice zuviel. Sie ging zu den Fenstern und schloss die Verschläge.
Alice: Haut ab! Verschwindet, sonst könnt ihr was erleben! Ich will meine Ruhe.
Die drei lachten sich draußen ins Fäustchen. Da sie Alice nun nicht
mehr durch die Fenster sehen und ärgern konnten, sannen sie auf neue
Mittel. Sie lasen aus dem reichhaltigen Strandgut einige dünne Äste
heraus und krochen, damit bewaffnet, unter den Stelzen des Pavillons
hindurch. Nach einigem Suchen fanden sie zu ihrer heimlichen Freude
genau unterhalb des Liegestuhles, in dem Alice inzwischen wieder lag,
ein Astloch im Boden des Pavillons. Sie einen besonders spitzen
Stecken, schoben ihn durch das Astloch vorsichtig nach oben und stachen
Alice in den Hintern. Wütend sprang sie auf, schob den Stuhl zur Seite,
ergriff den Stecken und brach ihn entzwei.
Alice: Macht das nicht noch einmal! Verschwindet endlich! Weg mit euch!
Lachend kamen die drei unter dem Pavillon hervorgekrochen. Sie
sammelten kleine Steine und Muscheln, hüpften um den Pavillon herum und
warfen die Steine und Muscheln gegen die Fensterläden.
Knaben: Alice, Alice! Komm raus, komm spiel' mit uns! Komm doch, Alice, spiel' mit uns! Alice!
Alice (genervt): Ruhe! Gebt endlich Ruhe! Sonst komm ich raus und ihr könnt etwas erleben!
Das schien gewirkt zu haben, denn es war plötzlich still.
Misstrauisch lugte Alice durch die Ritzen der Fensterläden: nichts war
zu sehen. Vorsichtig ging sie zur Tür, öffnete sie leise und spähte
hinaus: wieder nichts. So ließ sie einigermaßen beruhigt die Türe offen
und legte sich wieder in den Liegestuhl.
Ihre Peiniger hatten aber keineswegs aufgegeben. Sie liefen ins
Wasser und fischten eine riesige Qualle heraus. Der Rattenfänger nickt
ihnen aufmunternd zu, und der Älteste trug die Qualle mit
ausgestreckten Armen vor sich her und flüsterte dem Jüngsten etwas ins
Ohr, worauf sich dieser von den anderen trennte. So schlichen sie von
zwei Seiten an den Pavillon heran. Der Jüngste stelle sich vor den
Eingang, blickte sich noch einmal unsicher um, fasste sich schließlich
ein Herz und klopfte an den Holzrahmen,worauf Alice aus ihrer Ruhe
aufschreckte.
Alice: Da bist du ja schon wieder. Was willst du noch? Hau endlich ab!
3. Knabe: Sei mir nicht böse, Alice. Die anderen sind weg. Sie wollen nicht mehr mit mir spielen.
Währenddessen öffnete sich hinter Alice lautlos ein Fensterladen,
den sie wohl nicht richtig verriegelt hatte. Wie auf Katzenpfoten
kletterte der älteste Junge herein und ließ sich von draußen die Qualle
nachreichen. Der Jüngste hatte alles registriert und versuchte weiter,
Alice abzulenken.
3. Knabe: Willst du nicht mit mir spielen?
Alice: Ich spiele nicht mit kleinen Kindern.
3. Knabe: Wir könnten eine Sandburg bauen...
Alice: Ich will aber nicht mit dir spielen
3. Knabe: Du bist gemein.
Alice: Dann bin ich eben gemein. Und nun verschwinde!
Sie winkte unwirsch mit der Hand, um ihn endlich zu verscheuchen. Da sah sie, wie sich die Augen des kleinen Strolches in gespannter Erwartung weiteten. Instinktiv drehte Alice sich um und konnte gerade noch der glibbrigen Qualle ausweichen, die klatschend auf dem leeren Liegestuhl landete.
Alice bedachte den Schützen mit ein paar kräftigen Ohrfeigen, bis er
sich an ihr vorbeidrückte und kichernd zu den anderen hinaus lieft.
Alice schimpfte ihnen hinterher, bis sie außer Hörweite waren.
Alice: Ihr blöden, kleinen Blagen! Lasst euch bloß nie wieder blicken, ihr widerlichen Schmutzfinken!
Schließlich wandte sie sich zum Liegestuhl, um die glitschige Qualle zu
entfernen. Doch die hatte sich zwischenzeitlich in einen leckeren
Wackelpudding verwandelt. Da sie schon lange nichts mehr gegessen
hatte, nahm sie eine Hand voll davon zu sich. Sofort hatte sie sich
einmal mehr verwandelt und steckte wieder in den ungeliebten
Kleinkinder-Kleidern, in denen sie den Pavillon betreten hatte.
Missmutig blickte sie an sich herab: dieser Aufzug gefiel ihr nun gar
nicht mehr. Verschämt blickte sie hinaus und suche den Strand nach den
Knaben und dem Rattenfänger ab. Als sie niemanden sah, fasste sie ihren
Mut zusammen und lief mit kleinen, tapsigen Schritten hinaus. Als sie
in Richtung Dünen floh, kam sie an den Knaben vorbei, die sich hinter
einer verschlossenen Limonadenbude versteckt hatten und mit Murmeln
spielten. Als sie Alice in ihrer jetzigen Verfassung sahen, wnadten sie
sich gelangweilt ab, als wären sie der Meinung, dass man mit so kleinen
Mädchen sowieso nicht spielen könne. Stattdessen beschäftigten sie sich
weiter mit ihrem Murmelspiel.
Als Alice die schützenden Dünen erreicht hstte, verlangsamte sie ihren Schritt. Verärgert zerrte sie an dem verhassten Kinderkleid und versuchte, es sich vom Körper zu ziehen. Doch es saß wie festgeklebt. Nun versuchte sie, wenigstens ihren Bewegungen etwas Damenhaftes zu geben, indem sie so graziös daherstolzierte, als trüge sie Stöckelschuhe und ein Abendkleid. Da der Sand aber trocken und fein war, und entsprechend nachgab, machte sie dabei auch keine allzu glückliche Figur. Entmutigt ging sie weiter und entdeckte plötzlich hinter einer hohen Düne eine dünne Rauchfahne. Genaueres konnte sie nicht erkennen, da der Rauch geradewegs vor der fahlen Sonnenscheibe emporstieg und Alice schon die Augen stark zusammenkneifen musste, um überhaupt etwas zu sehen. Sie kletterte die Dünen hoch, dem Rauch entgegen, und verschwand schließlich in ihm.
