Eine feuchtfröhliche Gesellschaft
Wie von Riesenfäusten gezogen, ging die Hallenwand, vor der Alice saß, mit einem Mal in die Höhe und helles Sonnenlicht fiel in den Saal. Mit großen, erschreckten Augen blickte Alice auf - das Meer, das direkt vor ihren Füßen brauste und tobte. Ein heftiger Wind blies durch die Halle und wehte Alice' Zöpfe hin und her. Bevor sie reagieren konnte, baute sich eine große Welle im Meer auf, kam näher und näher, wurde größer und größer - und brach mit lautem Getöse über ihr zusammen.
Alice spürte, wie von allen Seiten Wasser auf sie einstürzte. Immer tiefer geriet sie unter Wasser. Verzweifelt mit den Armen rudernd, versuchte sie, dem Sog zu entkommen und an die Oberfläche zu gelangen. Langsam kam das Sonnenlicht wieder näher, und schließlich schoss sie an die Oberfläche, heftig nach Luft schnappend.
Als sie sich wieder erholt und einen ordentlichen Schwall Salzwasser ausgespuckt hatte, blickte sie sich um: Ringsumher nur Wasser. Keine Halle, keine unterirdischen Gänge waren mehr zu sehen. Aber das war Alice im Moment auch ziemlich egal. Sie erfreute sich an der angenehmen Kühle des Wassers, an dem prickelnden Gefühl des Salzes auf der Haut. Sie ließ sich, auf dem Rücken liegend, triben und von Wind, Wasser und Sonne verwöhnen. Anschließend plantschte sie eine Weile herum und schwamm ein paar Züge.
Dabei begegnete sie einem Geschöpf, das in ein Mausfell gerkleidet war. ein Gesicht verbarg sich hinter einer mausähnlichen Maske. Dieses Wesen schwamm eine Zeit lang neben Alice her, ohne sie zu beachten.
Alice: Ist es nicht sehr anstrengend mit so einem dicken Fell zu schwimmen?
Maus: (pikiert)
Keineswegs, meine Liebe. Unsereins ist das schließlich gewöhnt.
Alice: Ich wusste gar nicht, dass Mäuse schwimmen können.
Maus: (herablassend)
Eine gewöhnliche Maus kann das sicher nicht. Aber ich bin schließlich eine See-Maus.
Alice: So ein Unsinn! Es gibt keine See-Mäuse.
Maus: (indigniert)
Du musst es ja wissen.
Alice: (trotzig)
Gibt es auch nicht. Es gibt nur See-Hunde, See-Löwen und See-Igel.
Maus: Na also! Warum soll es dann keine See-Mäuse geben?
Alice: Aber Mäuse gehören nicht ins Wasser. Die gehören in irgendwelche Löcher oder in Mausefallen.
Maus (empört):
Also bitte!
Alice (unbeirrt): Auf jeden Fall gehören Mäuse nicht ins Wasser. Und deshalb gibt es auch keine See-Mäuse. Schließlich schwimmen hier auch keine Meerkatzen herum.
Bei dem Wort »Meerkatzen« zuckte die Maus zusammen und blickte ängstlich um sich. Aber das merkte Alice in ihrem kindlichen Eifer nicht.
Alice (versöhnlich): Es ist wirklich schade, dass Du meine Muschi nicht kennst. Die würde Dir bestimmt gefallen.
Maus (irritiert): Wer oder was ist Muschi?
Alice: Na, mein kleines Schmusekätzchen. Was denn sonst?
In diesem Moment spürte Alice Boden unter den Füßen. Sie richtete sich
auf und stand nur noch bei zu den Hüften im Wasser. Von daher bliebt
unklar, ob die Erwähnung einer Katze oder der Anblick der
klatschnassen, aufrecht stehenden Alice die arme Maus erschreckt hatte.
Auf jeden Fall suchte sie panikartig das Weite.
Alice: Warte! Du brauchst doch keine Angst vor meiner Muschi zu haben. Die ist doch noch ganz klein.
Maus: Ja, aber wenn die einmal groß ist, dann...
Kopfschüttelnd schwamm Alice der verängstigten Maus nach. Bald
erreichten sie beide eine Sandbank, auf der sich noch einige andere
Gestalten aufhielten: Ein großer, schwarzer Brachvogel, ein Marabu,
zwei Möwen, zwei Haselmäuse und ein Storch. Sie alle trugen Masken vor
dem Gesicht, so dass Alice beim besten Willen nicht entscheiden konnte,
ob sich unter dieser Verkleidung tatsächlich Tiere verbargen oder
nicht. Im Moment waren alle damit beschäftigt, ihr nasses Gefieder oder
ihr nasses Fell zu trocknen und machten dabei die absonderlichsten
Verrenkungen. Doch ihre Bemühungen waren nicht allzu erfolgreich.
Marabu: So dauert das ja ewig!
Storch: Irgendwie müssen wir ja wieder trocken werden.
Alice: Ein Storch hat ja auch nichts im Wasser verloren!
Maus: Sie weiß ganz genau, was jeder von uns verloren hat. Sie ist ganz entsetzlich schlau! (Alle lachen, nur Alice nicht)
Brachvogel (würdevoll): Ich für meinen Teil habe gar nichts verloren.
Alice: Aber so habe ich das doch gar nicht gemeint!
Marabu: Für solch schwierige Probleme ist im Moment keine Zeit. Wir müssen erst sehen, dass wir wieder trocken werden. Wer hat eine Idee?
Maus: Ich weiß etwas, was uns mit Sicherheit alle trocken machen wird. Es ist nämlich das Trockenste, was es überhaupt gibt.
Storch: Und was soll das sein?
Maus: Hört gut zu!
(räuspert sich wichtigtuerisch)
Wilhelm der Eroberer, dessen Anliegen vom Papst persönlich gefördert wurde, gewann rasch auch die Unterstützung der Engländer, die Führer brauchten und ohnehin an Eroberungen und Besetzungen gewöhnt waren. Edwin und Morcar, die Herzöge von Nordumbria und ...
Alice: Oh, nein! Muss das den sein?
Maus: Sagtest Du etwas?
Alice: Nein, nein. Mach ruhig weiter.
Maus: Ich dachte schon ... Also, diese Herzöge stimmten einem Feldzug mit Wilhelm dem Eroberer zu, und sogar Stigand, der Erzbischof von Canterbury, hielt es für angebracht, sich gemeinsam mit Edgar Atheling zu Wilhelm dem Eroberer zu begeben, um diesem die Krone anzubieten. Zunächst reagierte Wilhelm abwartend. Doch als die Normannen kurze Zeit später ... (zu Alice) Nun, meine Liebe - ist es schon trockener inzwischen?
Alice: Leider gar nicht. Ich bin noch genauso nass wie eben.
Marabu: Dann müssen wir uns etwas anderes überlegen.
Storch: Das beste Mittel ist immer noch ein Caucus-Rennen.
Alice: Was ist das denn?
Storch: Nun, ein Caucus-Rennen ist eine Art Proporz-Wettlauf.
Alice: Alice: Und was ist das?
Ohne jede weitere Erklärung begannen alle tiere hintereinander im Kreis
herumzulaufen. Sie liefen aus Leibeskräften, so als versuchte jeder den
Vordermann einzuholen, was aber nicht geschah. Nach kurzer Zeit schloss
Alice sich an, und einen flotten Marsch flötend lief sie wie alle
anderen auf der Sandbank herum. Da die Beteiligten alle verschieden
lange Beine hatten, sah das Ganze natürlich sehr lustig aus. Vor allem
der Storch, der nur auf einem Bein durch die Gegend hüpfte, brachte
Alice so zum Lachen, dass sie schließlich erschöpft stehenblieb und
sich die Seite hielt. Offensichtlich war das Caucus-Rennen oder
Proporz-Wettlauf ohnehin beendet, denn genauso abrupt wie sie diensen
irrwitzigen Tanz begonnen hatten, brachen die Tiere ihn jetzt ab.
Marabu: (atemlos)
Ist noch irgendjemand nass?
(niemand meldet sich)
Dann sind wir alle Sieger.
(alle klatschen sich selbst Beifall)
Maus: Wer verteilt die Preise?
Tiere: Alice!
Alice: Aber ich habe keine Preise bei mir.
Ohne mit der Wimper zu zucken, griff die Maus an Alice' Ohr und
zauberte acht Törtchen hervor. Alle klatschten begeistert, und Alice
verteilte nun mit feierlicher Miene die Törtchen an die Tiere. Alle
bedankten sich mit einer artigen Verbeugung bei ihr. Schließlich hatten
alle ihren Preis erhalten, nur für Alice selbst blieb nichts übrig.
Storch: Sie muss aber auch einen Preis bekommen. Sonst ist es ungerecht.
Alice (traurig): Es ist ja nichts mehr da.
Maus: Und was ist das?
Wieder griff die Maus an Alice' Ohr, doch diesmal blieb die Hand leer.
Maus: Hm. Tatsächlich. Keine Törtchen mehr da. Aber was haben wir denn da?
Sie packte Alice an der Nase und zog einen Fingerhut heraus. Die Tiere
freuten sich mit Alice. Der Brachvogel nahm den Fingerhut und
überreichte ihn Alice, die sich mit einem kleinen Knicks bedankte. Nun
hatte jeder seinen Preis bekommen, und alle waren wieder trocken.
Alice: Jetzt möchte ich aber auch etwas erzählen. Ich habe nämlich zu
Hause eine ganz süße Muschi, die süßeste Schmusekatze der Welt...
Doch Alice kam nicht dazu, ihre Geschichte weiter zu erzählen. In
heller Aufregung sprangen die Tiere auf und flogen oder schwammen
hektisch davon. Bald war keiner mehr zu sehen. Traurig blickte Alice
ihnen nach. Nun was sie wieder allein - auf einer Sandbank mitten im
Meer.
