In der großen Halle
Nach einer Weile blinzelte Alice vorsichtig durch ihre Finger hindurch: Das gleißende Licht war verschwunden - die Gänge, das Wasser und die Fackeln zu ihrer Überraschung auch. Sie befand sich in einer großen, ovalen Halle, die von perlmuttglänzenden, miesmuschelförmigen Hängelampen erleuchtet wurde, die, scheinbar aus dem dunklen Nichts kommend, in die Halle hineinragten. In die hellen Wände waren ringsherum große, reich verzierte Türen mit verschieden großen Schlüssellöchern eingelassen. Durch diese Schlüssellöcher fiel Licht herein.
Verwundert blickte Alice sich um. Vom Rattenfänger war nichts zu sehen und zu hören. Sie war allein in diesem fremden, leeren Raum. Vorsichtig, als befürchtete sie, jeden Moment könnte jemand durch eine der Türen eintreten, ging Alice zur Raummitte. Unter ihren Füßen knirschte es: der ganze Hallenboden war mit schwarzer, feuchter Schlacke bedeckt. Sie hockte sich hin, begann mit den Schlackenstücken zu spielen und ließ die schwarzen, glitzernden Steinchen durch ihre Hände rieseln. Schließlich erhob sie sich und scharrte ein wenig mit ihren Füßen in der Schlacke herum. Das Knirschen machte ihr sichtlichen Spaß, und sie spielte immer ausgelassener mit diesem Geräsuch, bis sie schließlich vergnügt quer durch den ganzen Raum tanzte.
Plötzlich stand vor ihr ein gläserner, dreieckiger Tisch, auf dem ein kleiner goldener Schlüssel lag. Nachdenklich betrachtete sie ihn eine Weile, dann nahm sie ihn und ging mit ihm zu einer der Türen. Obwohl das Schlüsselloch viel zu groß für den kleinen Schlüssel erschien, probierte sie ihn aus. Doch natürlich passt er nicht und die Tür blieb verschlossen. Auch bei der nächsten Tür hatte sie kein Glück. Immer ungeduldiger hüpfte sie von Tür zu Tür und versuchte sie aufzuschließen. Aber nirgendwo passte der Schlüssel - sie war eingeschlossen.
Ratlos und ein wenig erschöpft ging Alice durch den Raum. Mit einem Mal bemerkte sie vor einer der Wände einen riesigen Vorhang, wo vorher keiner gewesen war. Überrascht trat sie näher und fasste den Vorhang an: Er war aus rotem, schweren Samt. Sie schob ihn zur Seite und entdeckte dahinter eine Gartenpforte aus schmiedeeisernen Gittern. Durch die Gitter sah Alice auf den schönsten Garten, den sie je gesehen hatte, mit einem großen Springbrunnen, weiten Rasenflächen und vielen unbekannten, wilden Blumen. Sofort probierte sie den Schlüssel aus - und er passte!
Sie öffnete das Tor und wollte gerade freudestrahlend in den Garten treten, da erschien ein uniformierter, unfreundlich dreinblickender Wärter mit einer roten Schirmmütze. Er stellte sich Alice in den Weg.
Wärter: Dafür bist Du schon zu groß!
Und mit einem lauten Knall fiel Alice das Gitter wieder vor der Nase zu!
Nachdem sie sich von ihrem Schrecken erholt hatte, ging Alice enttäuscht zu dem Tisch zurück. Dort fand sie jetzt eine Flasche mit der geheimnisvollen Aufschrift: «Trink mich!» vor. Sie legte den Schlüssel zurück und betrachtete die Flasche genauer: Im Inneren befand sich eine irisierende, grünlich schimmernde Flüssigkeit. Eine Zeitlang überlegte sie hin und her, dann blickte sie noch einmal sehnsüchtig zum roten Vorhand hinüber und schließlich nahm sie einen Schluck aus der Flasche. Augenblicklich verwandelte sie sich in ein kleines, etwa dreijähriges Kind: Ihr Pferdeschwanz wich kleinen Zöpfen, aus dem weißen SPitzenkleid wurde ein untailliertes, rot-weiß gestreiftes Baumwollkleid. Dazu trug sie lange, rote Kniestrümpfe und Holzsandalen. Sie bewegte sich jetzt auch nicht mehr wie ein 11-jähriges Mädchen, sondern stiefelte tapsig wie ein kleinesKind zum Vorhang. Mit der geringen Kraft und dem großen Trotz einer Dreijährigen gelang es ihr nach einigen Mühen, den Vorhang beiseite zu schieben. Endlich stand sie vor der ersehnten Gartentür, musste aber feststellen, dass sie den Schlüssel auf dem Tisch vergessen hatte.
Ein paar Mal zerrte sie vergeblich an der Türklinke, dann kämpfte sie sich durch den Vorhangstoff zurück zum Tisch.
Dort saß aber jetzt der uniformierte Wärter, der ihr eben noch an der
Tür begegnet war. Alice schaute ihn mit großen Kinderaugen ängstlich
an, ging dann aber mutig weiter und griff nach dem Schlüssel. Doch der
Wärter zog ihn einfach weg.
Wärter: Dafür bist Du noch zu klein!
Alice: Ich will doch nur in den Garten. Bitte, gibt mir den Schlüssel!
Wärter: Dafür bist Du noch zu klein!
Alice: Ich will aber!!
Aber der Wärter schüttelte nur den Kopf. Trotzig wie ein kleines Gör,
das seinen Willen nicht bekommt, stampfte Alice mit dem Fuß auf und
begann schließlich vor lauter Wut und Hilfslosigkeit zu heulen. Als das
alles nichts nützte, setzte sie sich schmollend auf den Boden.
Da entdeckte sie unter dem Tisch einen Kuchen, auf dem mit Korinthen die Worte »Iss mich!« eingebacken waren. Mutig biss sie hinein und verwandelte sich sofort in eine junge Frau in einem wunderschönen Abendkleid. Mit dieser neuen Garderobe hate Alice einige Schwierigkeiten: Da das Kleid sehr eng geschnitten war, zerrte sie dauernd daran herum und konnte sich kaum darin bewegen. Als sie nun aufstand, merkte sie, dass sie auf Stöckelschuhen stand, und fiel beinahe wieder um. Unsicher tapsend machte sie die ersten Gehversuche in deisem neuen Schuhwerk. Zu allem Überfluss fielen ihr ihre Haare, die sie jetzt offen trug, immer wieder ins Gesicht. Nervös versuchte Alice, sie zu bändigen.
Nachdem sie sich mit ihrem neuen Aussehen einigermaßen arrangiert hatte, ging sie erneut auf den Wärter zu. Aber da sie sich in etwas verwandelt hatte, dass sie noch nicht kannte und nicht beherrschte, wirkten ihre Bewegungen eher hölzern als damenhaft.
Das schien den Wärter aber nicht weiter zu stören. Freundliche lächelte er die junge Dame an, und als Alice bittend ihre Hand ausstreckte, reichte er ihr mit einer galanten Geste den Schlüssel. Als Alice danach griff, hielt er ihre Hand fest und führte sie an die Lippen. Halb geschmeichelt, halb verwirrt über diesen plötzlichen Stimmungswechsel zog Alice die Hand zurück. Auf ihrem Weg zum Vorhang blickte sie sich immer wieder mit leicht kokettem Lächeln nach dem Wärter um, der ihre Bewegungen mit lauernden Augen verfolgte. Der unerwartete Erfolg hatte Alice zwar mit ihrer neuen Garderobe etwas versöhnt, aber trotzdem hatten ihre Schritte noch etwas Unsicheres, Staksisches an sich.
Diemal schob sie den Vorhang mit Leichtigkeit beiseite. Sie schloss die Pforte auf - und wieder trat ihr der gleiche Wärter entgegen. Er war jetzt wieder genauso kühl und abweisend wie zuvor und schien von Alice' Aussehen überhaupt nicht mehr beeindruckt zu sein.
Wärter: Dafür bis Du schon zu groß!
Alice: Aber ich bin es doch - Alice! Sie haben mir doch eben selbst den Schlüssel gegeben. Lassen Sie mich durch! Bitte!
Der Wärter sagte gar nichts mehr. Stattdessen warf er das Gitter
kurzerhand zu und baute sich mit verschränkten Armen und drohendem
Blick dahinter auf. Kurze Zeit zweifelte Alice, ob es sich überhaupt um
den gleichen Wärter handelte. Sie warf einen Blick zurück in die große
Halle - sie war leer, sogar der gläserne Tisch war verschwunden.
Alice seufzte resigniert. Es war sinnlos. Alles was sie machte, war falsch. Sie verstand die Welt nicht mehr. Tieftrauring schlich sie in die Halle zurück und setzte sich auf den Boden, um die schmerzenden Beine etwas zu schonene. Da trat der Rattenfänger durch eine der Türen ein und hastete durch die Halle, nervös auf eine Taschenuhr schauend. Ertrug einen Fächer und Glacehandschuhe in der Hand. Seine Flöte steckte in seinem Gürtel.
Rattenfänger: Oh je, oh je, die Herzogin wartet schon! Das gibt
bestimmt Ärger. Man lässt eine Herzogin nicht einfach so warten. Oh
je...
Alice: Flötenspieler!
Rattenfänger: Schon fast eine Stunde zu spät! Oh, mein Gott...
Alice: Flötenspieler!
Rattenfänger: Ganz furchtbaren Ärger gibt das!
Alice: (plötzlich unsicher)
Mein Herr, könnten Sie mir vielleicht sagen...
Erst jetzt schien der Rattenfänger Alice zu bemerken. Erschrocken fuhr
er auf und sag die junge Frau, die da direkt vor ihm auf dem Boden saß
und ihre frisch erworbenen weiblichen Reize etwas ungeschickt zur Schau
stellte. Panikartig ließ er Fächer und Handschuhe fallen, eilte zur
nächsten Tür, die er ohne Schwierigkeiten öffnete, und verschwand.
Alice sprang auf und lief zu der Tür. Doch die ließ sich nicht öffnen, so sehr sie auch daran rüttelte und zerrte. Sie war wieder allein und eingesperrt. Ganz undamenhaft warf Alice sich zu Boden und begann hemmungslos zu schluchzen. Ihre letzte Hoffnung war dahin.
Alice: (weinend)
Er mag mich nicht mehr. Er ist böse auf mich. Alles nur wegen diesem blöden Kleid. Ich will das nicht mehr, ich will wieder so sein wie früher.
Mechanisch zog sie die Handschuhe an, die der Rattenfänger fallen
gelassen hatte. In ihrer großen Trauer bemekrte sie zuerst gar nicht,
dass sie sich dadurch wieder in das kleine Mächen in dem
rot-weiß-gestreiften Kleid zurück verwandelte. Als sie es schließlich
och merkte, riss sie sich die Handschuhe sofort vom den Fingern und
warf sie angeekelt weg. Aber es war schon zu spät: Sie war wieder zu
mdreijährigen Kleinkind geworden. Bevor sie sic von ihrem Schreck
erholt hatte, hörte sie plötzlich ein lautes, knirschendes Geräsuch und
etwas sehr Merkwürdiges passierte...
