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Zum Tode von Ignatz Bubis

Eins hat Ignatz Bubis - Ironie des Schicksals - nicht erreicht: dass sein Grab ungeschändet bleibt.

Die Grabschändung

Unmittelbar nach seinem Begräbnis beschmierte ein israelischer Künstler, ein 52-jähriger deutschstämmiger Jude, der früher einmal ein paar Kneipen in der Düsseldorfer Altstadt besessen haben soll, das Grab mit schwarzer Farbe und nannte Bubis einen Verbrecher, der Bordelle besessen habe und für die Studentenproteste von 1968 mitverantwortlich sei; eine skurrile, herostratische Tat, die zeigt, welchen Grad der Verwirrung die Beziehungen zwischen deutschen Juden und deutschen Nichtjuden im Kopf eines Menschen anrichten können. Da schändet ein Jude das Grab eines anderen Juden und zeichnet ein Bild von Bubis, das wie die Kopie nationalsozialistischer Karikaturen aussieht. 

Doch Verwirrung herrscht nicht nur in dem Kopf des 52-jährigen Grabschänders namens Meir Mendelssohn. Der Tod von Ignatz Bubis, die Schändung seines Grabes, vor allem aber sein letzter Wille, in Israel beerdigt zu werden, damit sein Grab nicht wie das Galinskis von Neonazis in die Luft gesprengt würde, und seine letzten an die Öffentlichkeit gerichteten Worte, dass er fast nichts erreicht habe - all das hatte und hat etwas Verstörendes an sich. 

Steffis Abschied und Bubis' Tod

Die Nachricht von seinem Tode platzte mitten hinein in die Nachlese zur Sonnenfinsternis und das alljährliche politische Sommertheater. Es war Freitag, der Dreizehnte. Die ARD sendete nach der Tagesschau ein ARD Extra - zum Rücktritt von Steffi Graf, die ihren Tennisschläger endgültig an den Nagel hing. Erst kurz vor Mitternacht nahm die ARD dann eine Sondersendung über Ignatz Bubis ins Programm. Kam sein Tod für die stets so gut informierten Fernsehanstalten wirklich so überraschend? 

Die Medien brauchten eine Weile, um sich zu fangen, und sendeten dann eilig und eilfertig zusammengeschnittene Sondersendungen oder wiederholten einfach eine von den vielen alten Talkshows, in denen der Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland so häufig auftrat und Stellung bezog. Die Kommentatoren und Nachrufer der Tageszeitungen hatten dagegen etwas mehr Zeit; ihre Artikel mussten erst für die Montagsausgabe fertig werden.

Seelische Wüsten, ein Kanzler und kein Staatsakt

Fast alle öffentlichen Reaktionen auf den Tod Bubis zeigten, wie verunsichert, ja fast verstört, so mancher war. Man hatte den Eindruck, als seien sich plötzlich viele der unaufgeräumten seelischen Wüsten bewusst geworden, die in diesem Land ein fruchtbares Zusammenleben von Juden und Nicht-Juden so überaus schwer machen.  Und so tasteten sich die Kommentatoren mit größter Vorsicht von Satz zu Satz, ängstlich darum bemüht, Wortkombinationen aus den Stämmen "deutsch" und "jüdisch" sorgsam abzuwägen.

Viel zu schnell waren die jüdischen Begräbnissitten für die Terminplanung des Bundeskanzleramts, denn während Bubis nach jüdischem Brauch rasch beerdigt wurde, weilte Gerhard Schröder noch in Italien und badete in den Wellen des Mittelmeers. Immerhin waren der Bundespräsident und der Innenminister anwesend - der Innenminister und nicht der Außenminister: eine Tatsache, die man wohl betonen muss. 

Zu einem Staatsakt konnte sich weder in Bonn noch in Berlin auf die Schnelle jemand durchringen. Wie soll das überhaupt aussehen, wird sich mancher gedacht haben, falls er überhaupt etwas dachte: ein Staatsakt für einen Juden, der sich zeit seines Lebens als Deutscher fühlen wollte, dann aber doch noch die Aliya, die Einwanderung nach Israel im Tode wählte? Eine knifflige Frage für die Protokollchefs.  Doch die jüdische Hast beim Begraben ihrer Toten erledigte das Problem "Staatsakt" vorerst von selbst: die Toten soll man bekanntlich ruhen lassen. Und das schlimme Erdbeben in der Türkei schüttelte das Thema Bubis dann vorerst einmal aus den Schlagzeilen heraus. 

Der Vorwurf eines Patrioten

Bubis hat es sich und uns nicht leicht gemacht. Immer wieder bestand er darauf, ein Deutscher jüdischen Glaubens zu sein. Doch was noch schwerer wiegt: er war es. Johannes Rau nannte ihn in Tel Aviv sogar einen Patrioten, eine Kohl'sche Floskel, die normalerweise niemand wirklich zur Kenntnis nimmt, nun aber gleich überall hysterisch zitiert wurde – Normalität gibt es eben nicht. 

Patriotisch zeigte sich Bubis vor allem im Ausland, wo er Deutschland immer wieder auf eine Weise verteidigte, die sich kein nichtjüdischer deutscher Politiker zugetraut hätte. Wer hätte es schon gewagt, nachdem der Mob in Rostock ein Asylbewerberheim angezündet hatte und die anwohnenden Biedermänner Beifall klatschten, im Ausland zu behaupten, die Mehrheit der Deutschen - auch in Rostock - sei nicht rechtsradikal? 

Und weil Bubis Deutschland so patriotisch im Ausland in Schutz nahm, wiegt sein später Vorwurf, dass es immer noch kein Miteinander von Juden und Nichtjuden in Deutschland gäbe, um so schwerer. Jens Jessen schrieb dazu in der Berliner Zeitung: "Das verbreitete Gefühl der Deutschen, alles in allem zu einem angemessenen Umgang mit ihrer mörderischen Vergangenheit gefunden zu haben, wurde durch Bubis' Abschiedsworte empfindlich gestört."

Bubis sagte einmal verbittert, er sei in Deutschland weder gehasst noch geliebt, sondern bloß geduldet. Dass diese Verbitterung ihren Grund hatte, erkannte ich persönlich Anfang der 90er Jahre als die Amtszeit des damaligen Bundespräsidenten, Richard von Weizäcker, zu Ende ging. Ich habe damals viele Leute gefragt, ob sie sich Ignatz Bubis als Bundespräsidenten vorstellen könnten. Die Reaktion auf meine Frage war fast immer ein gequältes, oft auch entgeistertes Lächeln.  Und nicht wenige erwiderten: "Keine schlechte Idee, aber wäre es nicht besser, einen anderen Ausländer zum Bundespräsidenten machen: einen Türken zum Beispiel.  Schließlich gibt ja auch viel mehr Türken als Juden in Deutschland." 

Die schmale Brücke

Es waren nicht die Rechtsradikalen, die Bubis resignieren ließen, und auch nicht die Tatsache, dass unsere Regierungen dazu neigen, auf dem rechten Auge Sehstörungen zu kultivieren, es war dieses gequälte und entgeisterte Lächeln. Vergangenheitsbewältigung -- das war allzu häufig große Zerknirschung und der heilige Schwur Nie wieder!  verbunden mit der ebenso großen Erleichterung, dass die armen Juden ja nun endlich in Israel eine eigene Heimstatt gefunden hätten. 

Auch Bubis hatte dieses zwiespältige Bewusstsein, zwei Vaterländer zu haben: und das zeigte sich nicht erst in seinem Wunsch, in Israel beerdigt zu werden. Er sagte einmal auf die Frage, ob er um die Juden in Deutschland fürchte, wenn der Rechtsradikalismus stärker würde, dass er um die rund 70.000 jüdischen Deutschen keine Angst habe, sie könnten jederzeit nach Israel auswandern. Er habe Angst um die übrigen 80 Millionen Deutschen, die diese Möglichkeit nicht hätten.  Wie viele Millionen Deutsche würden sich diese Sorge um sie verbitten, wenn sie davon wüssten? 

Aber nicht nur viele Deutsche meinen, Bubis sei zwar ein lieber Gast, gehöre aber eigentlich nach Israel. Auch in Israel ist Bubis mit seiner Entscheidung, als jüdischer Deutscher in Deutschland zu bleiben, auf Unverständnis gestoßen. Hüben und drüben scheint man klare Verhältnisse zu lieben: hier Deutschland, dort Israel und dazwischen eine schmale Brücke aus Staatsverträgen und Bildungsreisen.  Natürlich kann man diese Brücke verbreitern, doch es bleibt immer eine Brücke. Bubis aber wollte etwas anderes.


Die Utopie der gemeinsamen Trauer

Natürlich ist es vermessen, zu behaupten, man wisse, was ein anderer Mensch in seinem unablässigen Wirken angestrebt hat. Was nun folgt, sagt daher vermutlich sehr viel mehr über den Verfasser dieser Zeilen als über Bubis selbst aus. Dennoch haben die abschließenden Gedanken, auch wenn es nicht seine, sondern die des Verfassers sind, sehr viel mit Ignatz Bubis zu tun, denn sie sind maßgeblich von ihm beeinflusst worden.

Während der so genannten Walser-Bubis-Debatte hatte ich den Eindruck, dass Bubis nicht deshalb über den Applaus, den Walser mit seiner unsäglichen Rede in der Paulskirche bei den Spitzen des deutschen Staates einheimste, so entsetzt war, weil hierhin der Wunsch vieler Deutscher zum Ausdruck kam, sich dem Gedenken an den Holocaust zu entziehen. Es wurde ihm vielmehr schlagartig klar, dass viele Deutsche die Juden von damals und die Juden von heute immer noch nicht als Deutsche betrachten, denn sonst müssten sie mit den Juden gemeinsam trauern über die Verbrechen, die uns allen angetan wurden und unter denen wir alle noch heute leiden - und zwar unabhängig davon, ob unsere Vorfahren zu den Tätern oder zu den Opfern gehörten.  Eine dieser bis heute schmerzhaften Folgen ist die fast vollständige Zerstörung der überaus fruchtbaren, wenn auch nie unproblematischen Symbiose aus jüdischen und nichtjüdischen Traditionen in Deutschland.  Doch anstatt die Vernichtung dieses kulturellen Reichtums als Verlust zu empfinden, verschlossen sich Walser und diejenigen, die ihm applaudierten, der Gemeinschaft der Trauernden mit einer wehleidigen und selbstgerechten Geste, und verneinte diesen gemeinsamen Traueranlass.

Vielleicht war die Fähigkeit und die Bereitschaft zur gemeinsamen Trauer um die menschlichen, geistigen und kulturellen Opfer des Nationalsozialismus für Bubis eine Art Scheidemittel, mit dem er diejenigen, die deutsche Juden als Deutsche mit jüdischem Glauben betrachten, von denjenigen unterschied, die sich zwar für die deutschen Verbrechen am jüdischen Volk schämen, deutsche Juden aber lediglich als eine besondere Form von Ausländern betrachten.  Da Bubis sich nicht nur als Deutscher mit jüdischem Glauben fühlte, sondern eine Zeit lang - wenn auch ungewollt - als heimliches Staatsoberhaupt agieren musste, war er für Letztere stets eine Provokation.

Mit Sicherheit war Ignatz Bubis auf der anderen Seite der besagten Brücke nicht nur für den Grabschänder Meir Mendelssohn, sondern auch für viele andere Juden, die es sich in der selbstverordneten Völkertrennung bequem gemacht haben, ein Stein des Anstoßes. Und dies gilt nach dem Grauen der Hitlerzeit nicht nur für orthodoxe Juden, die sich als von Gott auserwähltes Volk begreifen und gar keine Assimilierung wollen.

Hitler und seine Schergen haben es fast geschafft, die Trennung in ein jüdisches und in ein deutsches Volk in unseren Köpfen zu verewigen.  Bubis wollte diese Trennung nie akzeptieren. Für ihn bestand die deutsche Nation aus christlichen und jüdischen Bürgern und seine Utopie war ebenso einfach wie aufregend: fünf Deutsche, ein Christ, ein Jude, ein Moslem, ein Sinto und ein Atheist stehen am Tresen und unterhalten sich - über das Wetter.

(aus: Sudelbuch 98/99/00)