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Ein Teil von jener Kraft, die stets das Gute will und stets das Böse schafft

Die USA, die Welt und der Krieg gegen den Terror: die transatlantische Debatte unter Intellektuellen

Die transatlantische Kriegsdebatte

Nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 hat der amerikanische Präsident George W. Bush dem islamistischen Terror mehrfach den Krieg erklärt. Der Krieg in Afghanistan, der zum Sturz des Talibanregimes geführt hat, diente nicht in erster Linie der Befreiung des afghanischen Volkes vom Joch einer fundamentalistisch-religiösen Diktatur, sondern sollte die Infrastruktur der Terrororganisation Al-Qaida zerschlagen, was nur teilweise gelang. Da nach Ansicht des amerikanischen Präsidenten eine Reihe weiterer Staaten den Terror unterstützen, spricht er von einer Achse des Bösen, zu der er vor allem den Irak, den Iran und Nord-Korea zählt. Ein Militärschlag gegen den Irak wird seit Monaten von der amerikanischen Regierung vorbereitet.

juh's Sudelbuch 2002Dies ist eine Leseprobe aus juh's Sudelbuch 2002.

Inhalt:

Bimbes für Linux * Der Gulag auf Kuba * Über die Außenstelle des Bundesamtes für Verfassungsschutz NPD * Flächendeckendes Kabarett * Das Sprachtabu * Ich bin doch nicht blöd! * Lehrer killen: das gehört sich nicht! * Michel Möllemann und die einsame Insel * »Ich bin Antisemit. Und das ist auch gut so!« * Global Hangmen Inc. * Nation under goat * Politiker im Haifischbecken * Ein Teil von jener Kraft, die stets das Gute will und stets das Böse schafft * Der Weise vom Strand oder Ich stehe hier auf Ground Zero * Den 11. September überleben * Das tabuisierte Amerika * Die Schröder-Dummies * Saddam und Schröder sollen weg * Möllemann auf Elba * Die Profis der Nation empfangen das dreizehnte Modul * Man wächst mit seinen Aufgaben * Proamerikanisches Zeilengeld.

Die Terroranschläge auf das World Trade Center und das Pentagon haben in den USA eine Welle trotzigen Patriotismus hervorgerufen, die trotz allen Mitgefühls für die Opfer des 11. Septembers in Europa mit wachsendem Befremden wahrgenommen wird. Der überschwängliche Patriotismus ergriff alle Teile der amerikanischen Bevölkerung und beherrscht bis heute die Medien. Sogar die geistige Elite konnte sich dem patriotischen Fieber nicht entziehen. Am 12. Februar veröffentlichten 60 amerikanische Intellektuelle das Manifest»What We're Fighting For«, mit dem sie eine transatlantische Debatte über die moralische Rechtfertigung eines gerechten Krieges auslösten.

Das Manifest der Amerikaner wurde in Europa lebhaft diskutiert, doch es kam nicht zu einer gemeinschaftlichen Antwort europäischer Intellektueller. Erst als am 29. März 2002 über einhundert amerikanische Intellektuelle in einem offenen Brief ihre europäischen Freunde an ihre Verantwortung erinnerten, antworteten einhundertunddrei deutsche Intellektuelle auf das Manifest der amerikanischen Kriegsbefürworter. Am 8. August 2002 wiederum beantworteten 66 amerikanische Intellektuelle die deutsche Reaktion mit einem weiteren offenen Brief, in dem sie sich enttäuscht darüber zeigen, dass die Deutschen keine greifbare moralische Position zur Frage des gerechten Krieges einnähmen und stattdessen den Massenmord vom 11. September 2001 mit dem Massenmord an unschuldigen Zivilisten in Afghanistan gleichsetzten. Wir werden auf die einzelnen Argumente in den Briefen noch genauer eingehen, zunächst aber wollen wir uns einer anderen Frage zuwenden.

Der Kampf um die europäischen Verbündeten

Das Bemerkenswerte am Verlauf der Kontroverse ist das Ringen der amerikanischen Intellektuellen um europäische Verbündete in einer Debatte, die sich mehr und mehr als eine rein amerikanische Diskussion darstellt, in der die europäischen Teilnehmer bestenfalls als Schiedsrichterassistenten, in Wahrheit wohl aber mehr als Statisten agieren. Hervorzuheben ist aber, dass amerikanische Intellektuelle sich erstmals in der jüngeren Geschichte an ihre europäischen Freunde um Schützenhilfe im Kampf gegen innenpolitische Gegner wenden.

»We, as United States citizens, have a special responsibility to oppose this mad rush to war. You, as Europeans, also have a special responsibility. Most of your countries are military allies of the United States within NATO. The United States claims to act in self-defense, but also to defend "the interests of its allies and friends". Your countries will inevitably be implicated in U.S. military adventures. Your future is also in jeopardy.

Many informed people both within and outside your governments are aware of the dangerous folly of the war path followed by the Bush administration. But few dare speak out honestly. They are intimidated by the various forms of retaliation that can be taken against "friends" and "allies" who fail to provide unquestioning support. They are afraid of being labeled »anti-American« -- the same label absurdly applied to Americans themselves who speak out against war policies and whose protests are easily drowned out in the chorus of chauvinism dominating the U.S. media. A sane and frank European criticism of the Bush administration's war policy can help anti-war Americans make their voices heard.« (Letter from United States Citizens to Friends in Europe)

Dieser Hilferuf kommt dem Eingeständnis gleich, dass man in den USA, dem Hort des freien Worts, aufgrund des Chauvinismus in den Medien nicht mehr rational gegen die Bush-Politik argumentieren kann, ohne als antiamerikanisch gebrandmarkt zu werden. Die amerikanische Linke scheint auf verlorenem Posten zu stehen, denn der gesamte militärisch-kulturelle Komplex unterstützt Bush in seinem Krieg gegen den Terror. Die Opposition in den USA muss ausländische Hilfe erbitten.

Ob diese Hilfe jedoch etwas bewirkt, ist fraglich, denn zumindest die deutschen Intellektuellen führen keine wirklich neuen Argumente ins Feld. Vielmehr bieten sie den Kriegsbefürwortern aufgrund ihrer eher platten Argumentationsweise offene Flanken, in die diese mit ihrem Brief vom 8. August 2002 auch sofort hineingestoßen sind.

Der gerechte Krieg und die amerikanischen Werte

Die Kriegsbefürworter und Bush-Anhänger berufen sich in ihrem Manifest auf das Konzept des gerechten Kriegs und die amerikanischen Werte, die es zu verteidigen gilt. Die Unterzeichner geben sich große Mühe, sowohl den Zweck als auch die Mittel des gerechten Krieges zu definieren, denn nur so scheint ihnen eine intellektuell haltbare und moralisch vertretbare Rechtfertigung für die Kriegshandlungen in Afghanistan möglich zu sein.

Am Anfang ihres Briefes stellen sie fest, dass sich der Hass der Terroristen vom 11. September nicht allein gegen die amerikanische Regierung richtete, sondern gegen die amerikanische Gesellschaft als solche, gegen ihre Werte und ihre Art zu leben. »Fundamentally, their grievance concerns not only what our leaders do, but also who we are(What We're Fighting For)Diese Feststellung wirft zahlreiche Fragen auf, u.a. die nicht unerhebliche Frage, ob die Ziele und Absichten der Terroristen überhaupt relevant sind, wenn wir die Frage, wie man auf die terroristischen Akte vom 11. September reagieren soll, philosophisch erörtern will. Dass es Staaten gibt, die die amerikanische Lebensart ablehnen, ist beileibe nichts Neues. Im Gegenteil, während des Kalten Krieges, also für einen Zeitraum von rund 40 Jahren, wurden die USA durch das Atomwaffenarsenal der Sowjetunion in ihrer Existenz sehr viel stärker bedroht als heute. Neu ist allenfalls, dass der Gegner auf amerikanischem Boden zuschlagen konnte und über 3000 Menschen ermordet hat. Die grauenvolle Tat allein genügt den amerikanischen Intellektuellen ganz offensichtlich nicht, um den Antiterrorkrieg zu rechtfertigen. Es ist ihnen äußerst wichtig, darauf hinzuweisen, dass die islamistischen Terroristen die amerikanische Kultur und ihre Werte als solche ablehnen und zerstören wollen? Warum? Die Antwort geben sie selbst. In ihrem Manifest listen sie unter der Überschrift »So who are we?« all die amerikanischen Werte auf, die als Teil der allgemeinen Menschenrechte bei allen zivilisierten Völkern dieser Erde unstrittig sind: Menschenwürde, Demokratie, universale moralische Werte, Toleranz sowie Gewissens- und Religionsfreiheit. Diese Auflistung gemeinsamer Werte dient nun aber nicht dazu, den Terrorakt als einen Angriff auf die westliche Zivilisation und ihre bürgerliche Kultur darzustellen, sondern als einen Angriff auf die Menschheit an sich. Die Terroristen des 11. September sind für die Kriegsbefürworter nicht bloß Feinde einer bestimmten Nation oder einer bestimmten Kultur, sondern werden von den Verfassern des Manifests als Feinde des Menschen überhaupt charakterisiert. Der Feind des Menschen an sich kann aber nur das Böse schlechthin sein.

»To us, what is most striking about these values is that they apply to all persons without distinction, and cannot be used to exclude anyone from recognition and respect based on the particularities of race, language, memory, or religion. That's why anyone, in principle, can become an American. And in fact, anyone does. People from everywhere in the world come to our country with what a statue in New York's harbor calls a yearning to breathe free, and soon enough, they are Americans. Historically, no other nation has forged its core identity - its constitution and other founding documents, as well as its basic self-understanding - so directly and explicitly on the basis of universal human values. To us, no other fact about this country is more important.« (What We're Fighting For)

Die USA sind nicht irgendein wirtschaftlich prosperierender Staat, der die Menschenrechte achtet, die USA gründen ihre Existenz als Nation im Wesentlichen auf die Formulierung und Verwirklichung universaler menschlicher Werte, was weltweit einzigartig ist. Die historische Entwicklung der Vereinigten Staaten von Amerika als eines Horts individueller Freiheitsrechte und als eines meta-nationalen Melting Pots wird so jedoch zu einem teleologischen Geschichtsziel der gesamten Menschheit. Jeder Mensch kann Amerikaner werden. Die Arroganz, die aus diesen Worten spricht, kann wohl nur einem Amerikaner entgehen. Egal, was in der Welt geschieht, die USA haben das Menschenrecht immer schon erkämpft.

»But as Americans in a time of war and global crisis, we are also suggesting that the best of what we too casually call American values do not belong only to America, but are in fact the shared inheritance of humankind, and therefore a possible basis of hope for a world community based on peace and justice.«(What We're Fighting For)

Jeder Mensch kann Amerikaner werden und damit, so muss man das wohl verstehen, sein Menschsein erst zur vollsten Entfaltung bringen.

Eine Folge der kulturell verinnerlichten Gleichsetzung von amerikanischer Geschichte und teleologischem Menschheitsziel ist das problematische Verhältnis der USA zu den Vereinten Nationen. Da nach Ansicht der Kriegsbefürworter das Menschenrecht immer schon in den amerikanischen Werten aufgegangen und durch die Gründung der USA als einer Nation unter Gott immer schon verwirklicht ist, wäre jede Souveränitätsabtretung an internationale Gremien ein historischer Rückschritt, da in diesen Gremien auch Staaten Sitz und Stimme haben, in denen die Menschenrechte kaum oder gar nicht geachtet werden. Im schlimmsten Fall wäre es ein Schritt hinter die Unabhängigkeitserklärung zurück, wodurch sich die USA ethisch gesehen selbst auflösen würden. Die USA sind in ihrem Selbstverständnis seit jeher die besseren Vereinten Nationen. Sich der UN zu unterwerfen, wäre daher widersinnig. Aus amerikanischer Sicht ist bestenfalls der umgekehrte Fall vorstellbar: die Staaten der Welt werden zu Bundesstaaten der USA. Jeder Mensch kann Amerikaner werden! In einer Welt gleichberechtigter demokratischer Staaten droht den USA dagegen offenbar ein Identitätsverlust, wenn sie sich nicht als Führungsnation verstehen können. Als ein demokratischer Staat unter vielen verlören die USA ihren Gründungsmythos und sänken herab zu einem pragmatisch orientierten, auf willkürlichen Traditionen gegründeten Staatsgebilde, das bloß noch dem Zweck einer möglichst effizienten Verwaltung öffentlicher Angelegenheiten diente. Aufgrund dieser steten Gefahr können die Amerikaner auf einen außenpolitischen Feind nicht verzichten. Und da ein Gegner der USA immer auch ein Feind universaler Menschenrechte und damit ein Feind der Humanität als solcher ist, muss es sich bei jedem Gegner um das Böse schlechthin handeln. War früher die Sowjetunion das Reich des Bösen, so bilden heute Schurkenstaaten eine Achse des Bösen. Der Angriff eines Gegners richtet sich daher nie gegen die USA als einen Staat unter vielen, sondern gegen die Menschheit an sich, deren Apotheose und Epiphanie die Vereinigten Staaten von Amerika sind. Ganz selbstverständlich übernehmen die USA daher in zahlreichen Konflikten die Führungsrolle. Und natürlich kann es im Kampf gegen das Böse auch keine Lauheit geben. »Wer nicht mit uns ist, ist gegen uns«, stellte George W. Bush gleich zu Anfang des Antiterrorkrieges unmissverständlich klar. Der gerechte Krieg, auf den sich die Anhänger der Bush-Regierung berufen, ist als amerikanischer Krieg vor dem Hintergrund der teleologischen Selbstüberschätzung der USA immer schon ein heiliger Krieg, ein Krieg also, den die Befürworter des Afghanistankrieges vorgeben abzulehnen.

Die Rede von der Achse des Bösen ist kein propagandistisches Säbelrasseln, sondern Ausdruck der amerikanischen Identität. Der Kampf gegen das Böse, die Erkämpfung und Verteidigung des Menschenrechts ist das psychologisch notwendige Gegengewicht zum reinen Gewinnstreben, dem materialistischen Pendant des idealistischen Gründungsmythos der USA. Und New York ist das plutokratische Herz der Vereinigten Staaten, so wie Washington für die Ideale steht: für Freiheit, Demokratie und Menschenwürde. Ohne die idealistische, geschichtsteleologische Verklärung der USA bliebe von der einen Nation unter Gott bloß ein plutokratischer Moloch, dessen weithin sichtbares Symbol die Terroristen in New York am 11. September zerstörten. Und die erniedrigende Symbolik dieses Terrorakts hat die Amerikaner in ihrem moralischen Selbstwertgefühl so sehr getroffen, dass sie zur Kompensation in eine Orgie zügellosen Patriotismus verfallen mussten.

Die von den amerikanischen Kriegsgegnern in die Diskussion eingebrachte Unterscheidung von amerikanischen Werten auf der einen und der amerikanischen Außenpolitik auf der anderen Seite trifft den Kern des Problems nur zum Teil. Das amerikanische Dilemma besteht nicht darin, dass sich die nationale Identität in idealistische und humanistische Werte im Inneren einerseits und eine machtorientierte, diese Werte verletztende Außenpolitik andererseits aufspaltet. Der Widerspruch entsteht bereits durch die Verabsolutierung der amerikanischen Werte selbst. Diese nationalen und gleichzeitig universalen Werte können nur dann als nationales Erbe bewahrt werden, wenn die Werte nicht internationalisiert werden. Und eine Internationalisierung ist nur dann in einer demokratischer werdenden Welt dauerhaft zu verhindern, wenn irgendwo da draußen das Böse lauert und Menschheit und Vereinigte Staaten bedroht.

Dass die Außenpolitik der USA allzu oft die amerikanischen Werte verrät, ist die Folge dieser inneren Spannung im Selbstverständnis der Amerikaner, worin auch eine gewisse Tragik liegt.

»The central fallacy of the pro-war celebrants is the equation between "American values" as understood at home and the exercise of United States economic and especially military power abroad. (...) Most U.S. citizens are unaware that the effect of U.S. power abroad has nothing to do with the "values"(Letter from United States Citizens to Friends in Europe) celebrated at home, and indeed often serves to deprive people in other countries of the opportunity to attempt to enjoy them should they care to do so.«

In Umkehrung des mephistophelischen Ausspruchs könnte man sagen, dass es sich bei den USA um einen Teil von jener Kraft handelt, die stets das Gute will und stets das Böse schafft. In den Briefen der deutschen und der amerikanischen Kriegsgegner werden zahlreiche Beispiele für diese tragische Verkehrung der besten amerikanischen Absichten genannt.

»In Latin America, Africa and Asia, U.S. power has more often than not been used to prop up the remnants of colonial regimes and unpopular dictators, to impose devastating commercial and financial conditions, to support repressive armed forces, to overthrow or cripple by sanctions relatively independent governments, and finally to send bombers and cruise missiles to rain down death and destruction.«(Letter from United States Citizens to Friends in Europe)

Die Verhältnismäßigkeit der Mittel

Doch kehren wir zurück zum gerechten Krieg, der sich in einen heiligen verkehrt hat. Auch in einem heiligen Krieg ist nicht alles erlaubt, insbesondere dann nicht, wenn er im Namen der Humanität geführt wird. Doch im Gegensatz zum gerechten Krieg, der seine Mittel stets sorgfältig abwägt, da er rationale Ziele verfolgt und erfolgreich sein will, ist die Triebfeder des heiligen Kriegers affektiv. Für ihn ist nicht entscheidend, ob die Mittel angemessen und erfolgversprechend sind, für ihn ist die Überzeugung wichtig, dass das Ziel auch wirklich und wahrhaftig gerecht ist. Daher halten sich die Verfasser des Manifests »What We're Fighting For« auch nicht lange bei den Mitteln des Krieges auf, sondern setzen alles daran, die Sache als gerecht darzustellen, sodass sie letztendlich die Mittel vom Zweck her legitimieren.

Da es sich beim Krieg in Afghanistan für alle Welt ganz offensichtlich nicht um einen gegen eine Terrorgruppe gerichteten Polizeieinsatz, sondern um die militärische Vernichtung eines ungeliebten Regimes handelt, das nicht direkt an den Terroranschlägen beteiligt war, müssen die Unterzeichner diesen Einsatz in irgendeiner Weise moralisch rechtfertigen. Vor dem Hintergrund der amerikanischen Werte ist dies nur möglich, wenn der Militäreinsatz als ein Akt der Selbstverteidigung verstanden wird.

»If one has compelling evidence that innocent people who are in no position to protect themselves will be grievously harmed unless coercive force is used to stop an aggressor, then the moral principle of love of neighbor calls us to the use of force.« (What We're Fighting For)

Obwohl in diesem Passus in erster Linie von amerikanischen Bürgern die Rede ist, die es zu schützen gilt, spielt er auch darauf an, dass die USA durch ihren Kriegseinsatz das afghanische Volk von einem menschenverachtenden Regime befreit haben. Der Gedanke der Selbstverteidigung, mehr aber noch das Bild von der Nachbarschaftshilfe provoziert sofort die Frage nach der Verhältnismäßigkeit der Mittel, der die Verfasser an dieser Stelle auch nicht mehr ausweichen können.

»Wars may not legitimately be fought against dangers that are small, questionable, or of uncertain consequence, or against dangers that might plausibly be mitigated solely through negotiation, appeals to reason, persuasion from third parties, or other nonviolent means. But if the danger to innocent life is real and certain, and especially if the aggressor is motivated by implacable hostility - if the end he seeks is not your willingness to negotiate or comply, but rather your destruction - then a resort to proportionate force is morally justified.«(What We're Fighting For)

Ob der Krieg in Afghanistan dieser Anforderung gerecht wird, steht für die Verfasser außer Frage, denn sie schreiben zum Abschluss ihres Exkurses über den gerechten Krieg.

»Most seriously of all, the mass murders of September 11 demonstrated, arguably for the first time, that this movement now possesses not only the openly stated desire, but also the capacity and expertise - including possible access to, and willingness to use, chemical, biological and nuclear weapons - to wreak massive, horrific devastation on its intended targets.

Those who slaughtered more than 3,000 persons on September 11 and who, by their own admission, want nothing more than to do it again, constitute a clear and present danger to all people of good will everywhere in the world, not just the United States. Such acts are a pure example of naked aggression against innocent human life, a world-threatening evil that clearly requires the use of force to remove it.«(What We're Fighting For)

Die Frage, warum Terroristen, die doch angeblich Zugang zu chemischen, biologischen und nuklearen Waffen haben, Verkehrsflugzeuge für ihre Terrorakte benutzen, stellt sich den Verfassern des Manifests erst gar nicht. Sie scheinen das von der Bush-Regierung aufgebaute Bedrohungsszenarios dermaßen verinnerlicht zu haben, dass ihnen der offensichtliche Widerspruch in diesem Absatz nicht auffällt. Und nebenbei bemerkt: den amerikanischen Kriegsgegnern und den deutschen Intellektuellen ist er auch nicht aufgefallen.

Anstatt die Kriegsbefürworter beim Wort zu nehmen und sie nach der Verhältnismäßigkeit der Mittel zu fragen, entkräften die deutschen Intellektuellen diesen argumentativen Trumpf, indem sie apodiktisch behaupten: »Es gibt keine universal gültigen Werte, die es erlauben, einen Massenmord mit einem weiteren Massenmord zu rechtfertigen.«. Diese relativ platte Argumentation eröffnet den amerikanischen Kriegsbefürwortern die Möglichkeit, den deutschen Intellektuellen moralische Blindheit vorzuwerfen.

»We are saddened by these comments. For you to equate unintended civilian causalities in a theater of war, in which the cause is just, and where the goal of the combatant is to minimize the loss of civilian life, to the intentional killing of civilians in downtown office buildings, in which the cause is unjust, and where the goal of the combatant is to maximize the loss of civilian life, is an act of moral blindness.«(Is the Use of Force Ever Morally Justified?)

Und so drängen die Amerikaner die deutschen Intellektuellen in ihrem Brief vom 8. August dazu, sich zu entscheiden, für welche Position sie stehen wollen, wenn es um die Frage geht: Krieg führen gegen den Terror: ja oder nein? Die amerikanischen Kriegsbefürworter wollen wissen, ob die deutschen Intellektuellen einen pazifistischen Standpunkt vertreten, kriegerische Gewalt also in jedem Fall als unmoralisch verwerfen, oder Realisten sind, die den Gewalteinsatz als ein legitimes Mittel der Machtpolitik betrachten oder den heiligen Krieg predigen -- alles Perspektiven, die die Amerikaner nicht teilen wollen -- oder, ob sie -- wie die Amerikaner -- einzig und allein die Theorie des gerechten Krieges akzeptieren. Wie wir gesehen haben, verkehrt sich der gerechte Krieg bei den Amerikanern notwendig in einen heiligen Krieg, dessen wichtigste Funktion die der Identitätsstiftung ist. Ob es den deutschen Intellektuellen gelingt, ihren amerikanischen Kollegen diesen immanenten Widerspruch klarzumachen und ihnen die Gefahren zu verdeutlichen, die daraus erwachsen, muss dahingestellt bleiben.

Am Ende ihres Briefes beziehen sich die deutschen Intellektuellen auf die von ihren amerikanischen Freunden eingeführte Unterscheidung von amerikanischen Werten und amerikanischer Außenpolitik.

»Nur wenn weltweit und bei den ökonomisch und militärisch schwächeren Nationen und Kulturkreisen die Auffassung einkehrt, dass der Westen als der ökonomisch und militärisch mächtigste Kulturkreis es mit der Universalität der Menschenwürde ernst meint, dass diese nicht eine bloße Floskel ist, von der je nach Bedarf Gebrauch gemacht wird, nur dann erhöht sich die Chance, dass terroristische Selbstmordattentate nicht die beabsichtigte Resonanz erfahren, sondern in allen Ländern auf vehemente Ablehnung stoßen. Erst wenn die Schwächeren dieser Welt sich in der Auffassung sicher wissen, dass kein auch noch so mächtiger Staat ihre Würde verletzen, sie demütigen und ihre Lebensbedingungen willkürlich beeinträchtigen wird, erst dann schöpfen diese Menschen Kraft und Bereitschaft, ihre Augen und Herzen für die moralischen Werte anderer Kulturen zu öffnen. Erst dann sind auch die Voraussetzungen dafür gegeben, dass ein echter Dialog zwischen den Kulturen in Gang kommt.« (Eine Welt der Gerechtigkeit und des Friedens sieht anders aus)

In ihrem Brief vom 8. August 2002 bezeichnen die amerikanischen Kriegsbefürworter, diesen Passus als einen möglichen Ausgangspunkt für den weiteren Dialog. Sollten die deutschen Intellektuellen den Diskussionsfaden an dieser Stelle wieder aufnehmen, anstatt das problematische Selbstverständnis der Amerikaner zu thematisieren, wird der Dialog ins Leere laufen. Doch warten wir die Entwicklung ab.

Bis auf weiteres bleibt festzuhalten, dass sich bisher auf europäischer Seite nur deutsche Intellektuelle in einem gemeinsamen Statement an dieser Diskussion beteiligen. Eine französische oder britische Antwort steht aus, und auf eine Antwort europäischer Intellektueller werden wir wohl vergeblich warten.

(Ursprünglich im Sudelbuch 01/02/03 veröffentlicht)

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